Ist das Altonaer Museum gerettet?
Der Jubel scheint groß in Hamburg. Die Bürgerproteste und über 60.000 gesammeltem Unterschriften für den Erhalt des von der Schließung bedrohten Altonaer Museum waren erfolgreich. Nach einem am 27.10.2010 einberufenen „Kulturgipfel“ mit den verantwortlichen Politikern und den betroffenen Museumsschaffenden ist klar: das Altonaer Museum bleibt an seinem jetzigen Standort bestehen. Neben den öffentlichen Protesten war dafür offensichtlich auch verantwortlich, dass die zuständige Kulturbehörde unter Reinhard Stuth (CDU) kein Konzept vorweisen konnte, wie die Abwicklung des Museums und seine Folgen realisiert werden sollte.
Also ein Sieg auf der ganzen Linie? – Leider nicht. Nach dem ersten Jubel dämmert manchem Hamburger Kulturschaffenden, dass man womöglich lediglich einen Etappensieg errungen hat, den Krieg aber noch verlieren könnte. Ein kurzer Blick auf die nüchternen Zahlen hinter der anlässlich des Kulturgipfels erzielten Verständigung lehrt dies überdeutlich:
Bis 2014 sollen die öffentlichen Zuwendungen an die Häuser der Stiftung Historische Museen Hamburg um 8 Millionen Euro sinken. 2011 müssen 500.000 Euro eingespart werden, 2012 1,5 Millionen, 2013 dann schon 2,5 Millionen Euro und 2014 dann schließlich 3,5 Millionen Euro. Eine Steigerung von 700 % von 2011 bis 2014! Die Bestandsgarantie für das Altonaer Museum wurde also teuer erkauft, und das umso mehr, als die geplanten Einsparungen nun alle vier Museen der Stiftung betreffen sollen.
Konkret heißt dies, dass sich 2014 das Altonaer Museum, das Hamburg-Museum, das Helms-Museum sowie das Museum der Arbeit, jedes Haus mit bis zu drei Außenstellen, 3,5 Millionen Euro Zuwendungen teilen müssen. Derzeit sind es noch 11,5 Millionen Euro. Bei allen Museen handelt es sich um größere Häuser. Diese Herausforderung dürfte kaum durch Sparanstrengungen in den einzelnen Museen zu bewältigen sein, sondern verlangt nach nichts Geringerem als der strukturellen und konzeptionellen Neuordnung der Hamburger Museumslandschaft. Der Kompromiss des Kulturgipfels sieht immerhin vor, dass bis April 2011 eine solche Neukonzeption der Stiftung unter Berücksichtigung des Altonaer Hauses vorgelegt werden soll.
Ist den Betroffenen klar, welche Bürde sie auf sich genommen haben?
Schon machen verschiedene Vorschläge die Runde: die Museen sollen ihre Räumlichkeiten stärker als bisher auch für andere Veranstaltungen vermieten oder für gastronomische Zwecke nutzen, die Arbeit mit den Schulen muss intensiviert werden. Offenbar glaubt man ernsthaft, so die bis 2014 8 Millionen einzusparenden Euro zumindest teilweise kompensieren zu können. Auf der Website des Altonaer Museums liest man dementsprechend: „Wir arbeiten daran, Ihnen auch in Zukunft ein qualitätvolles und spannendes Programm zu bieten!“– Wie wäre es einfach damit, wieder mehr Besucher in die Museen zu locken? Diesen Vorschlag sucht man vergebens.
Nun soll es eine Volksinitiative richten, die auf eine Änderung des Hamburger Museumsstiftungsgesetzes mittels Volksbegehren abzielt. Gefordert wird u. a. eine gesetzlich verankerte Bestandsgarantie für alle historischen Museen in Hamburg und die Ausstattung der Stiftung durch die öffentliche Hand mit einem belastbaren Vermögen. Das klingt doch sehr nach der Wahrung lieb gewonnener Besitzstände und dem in diesen Tagen allzu präsenten Ruf nach „Staatsknete“. Ganz ähnlich eine Stimme im Kulturblog der FAZ, die hier nicht vorenthalten werden soll:
„Das politische “Getöse” ist nicht mehr, als ein Sturm im Wasserglas – angerührt von den amtlichen Kulturverwaltern. Ein Grund, weshalb auch nie mehr als ein paar Dutzend “Demonstranten” auf der Straße zu sehen waren – allesamt Beschäftigte des verstaubten Museums.
De facto führen fast alle Hamburger Museen (und auch viele andere öffentliche Kultur-Sparten) seit Jahren ein nur noch am eigenen Vorteil orientiertes Schattendasein. Über 50 hochdotierte Festangestellte bei inzwischen nur noch weniger als 30.000 zahlenden Besuchern pro Jahr – das ist die Realität beim Altonaer Museum oder auch beim Museum der Arbeit. Durch die Ausgliederung der Häuser in eine Stiftung gelang es vor Jahren zwar, die finanziellen Dimensionen der Misere zu vertuschen – Kulturpolitik ist das aber nicht.
Wenn es um die Förderung der Kulturschaffenden ginge, wäre öffentliches Engagement angebracht. Hier aber geht es nur um Pfründesicherung der etablieren Kulturverwalter. Ein Interesse an der Öffentlichkeit oder der “Kultur” ist nicht zu spüren – sonst hätten die Museumsdirektoren den Besucherschwund der letzten Jahre zum Anlass für Engagement genommen.“
Zu dieser Meinung, über die man im Einzelnen sicher diskutieren kann, noch einige nüchterne Zahlen: 2007 hatte der Hamburger Senat unter Ole van Beust die historischen Museen mit insgesamt 3,6 Millionen entschuldet und die Betriebszuschuss für das Altonaer Museum um 300.000 Euro im Jahr erhöht. Über die derzeitige Finanzsituation erfährt man im Mediengetöse um die verhinderte Schließung leider nichts. Strukturelle Defizite sind natürlich medial nicht so spektakulär umzusetzen wie öffentliche Demonstrationen.
Allen betroffenen Hamburger Museen ist ihr Fortbestand zu wünschen. Das steht außer Frage. Genauso ist aber zu wünschen, dass alle Hamburger, die sich öffentlichkeitswirksam gegen die Schließung des Altonaer Museums engagiert haben, künftig als fleißig zahlende Besucher das Haus in Altona sowie die anderen Museen regelmäßig besuchen. Auch Stifter, Spender und Mäzene sind sicher gerne gesehen. Als mündige Bürger können sie selber entscheiden, was ihnen lieb und teuer ist. Die Verantwortlichen in den Museen sollten sich dessen bewusst sein. Das Motto lautet: Besucherorientierung anstatt Besitzstandswahrung.
Quellen:
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,725849,00.html
http://www.welt.de/print/die_welt/hamburg/article10607524/Aufatmen-nach-dem-Kulturgipfel.html
http://www.abendblatt.de/meinung/article1678671/Kein-Grund-zum-Jubeln.html
