Müssen Museen aus Finanznot geschlossen werden?

Beobachtungen zur aktuellen Debatte

http://www.youtube.com/watch?v=Ozsbv4RVaqU

Die Szenerie kommt einem in diesen Tagen irgendwie bekannt vor: aufgebrachte Bürger, rote Fahnen, ein Redner mit Megaphon, der seine Empörung laut herausschreit. Protest gegen das Projekt „Stuttgart21“ oder die Energiepolitik der Bundesregierung?

Nein, der Hamburger Senat ist in Finanznöten. Er möchte jährlich eine halbe Milliarde sparen, unter anderem bei der Kultur: 120 Millionen sollen 2011 hier wegfallen. Davon betroffen ist auch das Altonaer Museum, das seit 1863 in diesem Hamburger Stadtteil existiert, es soll ganz geschlossen werden. (Hamburger Abendblatt Online-Ausgabe 23./25.09.2010)

http://www.altonaermuseum.de/altonaer-museum/ausstellungen/aktuelle-ausstellungen/ansicht.html?uniqid=2703

Was passiert mit den 70 Mitarbeitern? Was geschieht mit der über 640.000 Objekten zählenden Sammlung? Die Empörung bei den Museumsmitarbeitern und der aktivierten Öffentlichkeit scheint verständlich. Zumal sich die Hansestadt mit der Elbphilharmonie, deren Kosten explodiert sind, offenbar einen Musentempel für Eliten leistet?

Altona ist kein Einzelfall. Im Mai 2010 diskutierte der Gemeinderat im schwäbischen Ellwangen über die Schließung des dort erst 2001 eingerichteten archäologischen Alamannen-Museums, die Entlassung des Museumsleiters eingeschlossen. (Schwäbische Zeitung Online Ausgabe 18.05.2010)
Auch dort formierte sich der Widerstand, wenn auch auf weniger spektakuläre Art. Schwaben ist eben nicht Hamburg. Ein Ausweg könnte in Sicht sein: möglicherweise beteiligt sich das Land Baden-Württemberg zukünftig an der Trägerschaft. Bis dahin drohen allerdings drastische Einschnitte in den kommunalen Zuweisungen an das Museum. (Südwestpresse Online-Ausgabe 22.07.2010)
Im thüringischen Creuzburg ist man da einen Schritt weiter. Dort wurde das Museum auf der gleichnamigen Burg von der Kommune bereits zugemacht, der Museumschef steht auf der Straße. Mitarbeiter aus der Touristikinformation kümmern sich um die geschlossene Einrichtung. (Thüringer Allgemeine Online-Ausgabe 08.04.2010)

Die Liste der Beispiele ließe sich verlängern. Nach einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung A. T. Kearney sind bis 2020 rund 10 % der deutschen Kultureinrichtungen von der Schließung bedroht.

http://www.atkearney.de/content/presse/pressemitteilungen_practices_detail.php/id/51130/practice/allgemeines

Betroffen sind vor allem Institutionen in kommunaler Trägerschaft. Droht also der Untergang der bisherigen Museumslandschaft?

Wie sehen Museumsvertreter der Lage? Gibt es zu viele Museen in Deutschland? Eine Interview des Präsidenten des Deutschen Museumsbundes, Volker Rodekamp, macht da wenig Mut: in Deutschland gäbe es zu viel an kleineren, relativ unbedeutenderen Museen, es fehle an großartigen Häusern wie in den USA, England oder Frankreich.

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1281774/

Kommunale Museen dürfte diese Aussage ihres obersten Vertreters zu Recht befremden. Im selben Interview kritisiert Rodekamp auch die Hamburger Elbphilharmonie – doch sind vergleichbare museale „Elbphilharmonien“ die Lösung für die hier beschriebene Krise? Man darf skeptisch sein.

Schon realistischer klingen da die Aussagen von Martin Roth, dem Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, dem Vorgänger von Volker Rodekamp. Er sieht den personellen Abbau in Museen fortschreiten, der Krise müsse kreativ begegnet werden. Man leiste sich Institutionen wie im 19. Jahrhundert. Die Auflösung ganzer Museen sei jedoch das falsche Zeichen. Trotzdem wagt er die Frage, ob die Museumslandschaft wirklich so viele Institutionen braucht. (Handelsblatt vom 30.07.2010)

Bei aller verständlichen Empörung und Aufregung sei ein kurzer Blick auf die nüchternen Zahlen hinter unseren drei Beispielen gestattet.
3,5 Mio. Euro sollen in Altona eingespart werden, die Einnahmen des Museums sind allerdings in dieser Rechung offenbar nicht enthalten. Die Besucherzahlen des Museums sind von 2008 auf 2009 um 22,5 % zurückgegangen. Solche Schwankungen sind allerdings nicht ungewöhnlich, begründen lässt sich die Schließung damit sicher nicht. Im schwäbischen Ellwangen hat die Stadt für die nächsten drei Jahre im Zuge der Finanzkrise und wegfallender Zuschüsse vom Land einen Einnahmeausfall von 14 Mio. Euro zu verkraften. Die Schließung des Alamannen-Museums würde rund 735.000 Euro einsparen. Jährlich kostet das Haus der Stadt 245.000 Euro, davon sind 58 % Personalkosten. 30 % erwirtschaftet das Museum selber, eine nicht geringe Summe, der Deckungsbetrag durch die Kommune beträgt rund 172.000 Euro. Beim Erhalt der Einrichtung soll dieser Betrag auf deutlich unter 50.000 Euro gedrückt werden.

Im thüringischen Creuzburg hat auch ein selbst erwirtschafteter Kostenanteil von sogar 37 % das Museum nicht vor der Schließung bewahrt, den jährlichen Deckungsbedarf von rund 220.000 Euro wollte die Kommune, deren Gewerbesteuereinnahmen drastisch eingebrochen sind, nicht mehr weiter finanzieren. Zusätzlich wurde mit rückläufigen Besucherzahlen argumentiert.

Aus alle dem wird eines deutlich: kein Museum, das sich in öffentlicher Trägerschaft befindet, kommt ohne Deckungsbeträge seines Trägers aus. Gewinnziele wie in einem privaten Unternehmen sind hier nicht realistisch. Trotzdem ist es sicher ein Irrglaube, dass einfach nur mehr Geld für die Kultur alle Probleme löst. Diese Lehre lässt sich unter anderem aus der Diskussion um die Bildungsmisere in Deutschland ziehen: trotz teurer Schulreformen der 70iger und 80iger Jahre schneiden die entsprechenden Bundesländer in Vergleichstest schlechter ab als andere. Mittlerweile fordern auch Kulturschaffende wie der Theaterregisseur Frank Alva Bucheler oder der Filmemacher Klaus Lemke dazu auf, jenseits der staatlichen Kultursubventionen nach kreativen Lösungen zu suchen.

http://www.novo-argumente.com/magazin.php/archiv/novo108_108/

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/papas_staatskino_ist_tot/

Betrachtet man sich die Proteste um die drohende Schließung in Altona, gewinnt man als kritischer Betrachter den Eindruck, dass nicht nur das kulturelle Erbe Hamburgs, sondern auch über Jahrzehnte lieb gewonnene Besitzstände verteidigt werden. Wie sonst anders ließe sich die Wortwahl des Altonaers Museumsleiters Hinrichsen erklären, dass das “geistige Zentrum Altonas” ausradiert werden solle. (Welt Online-Ausgabe 27.09.2010)
Das klingt doch sehr nach ritualisierter Empörungskultur der political correctness. Bezeichnend auch ein Kommentar in der Neuen Osnabrücker Zeitung: der Schließungsbeschluss treffe mit Altona einen Stadtteil mit hohem Migrantenanteil. (Neue Osnabrücker Zeitung Online-Ausgabe 23.09.2010)

Sekundiert werden die Proteste durch den Hamburger Landesvorsitzenden der Gewerkschaft Hamburg, Wolfgang Rose: für den Kulturbereich müssten angesichts der momentanen Haushaltslage auch „breite Schultern“ herangezogen werden.  (Hamburger Abendblatt Online-Ausgabe 25.09.2010)
Da befindet er sich in einem Boot mit dem ehemaligen Hamburger Bürgermeisterkandidaten der SPD, Michael Naumann, der als Cicero-Chefredakteur kürzlich feststellte, dass die Schuldenbremse im Grundgesetz Kulturangebote auf kommunaler Ebene gefährde.

http://www.cicero.de/97.php?ress_id=4&item=5324

Diese Aussagen sind symptomatisch für manchen in deutschen Kultureinrichtungen Verantwortlichen, fürchte ich: Kultur und Ökonomie schließen sich offenbar aus, es lässt sich so schön in der eigenen Welt leben, dass wirtschaftliche Realitäten wie eine „kleine“ Finanzkrise oder staatliche Defizite in Milliardenhöhe nicht ins Gewicht fallen. Trotzdem dürfte das Aufhäufen weiterer staatlicher Schulden im Namen der Kultur kaum dazu beitragen, die deutsche Museumslandschaft auf lange Sicht zu sichern.

Realismus ist dagegen gefragt. Die zitierte Studie von A. T. Kearney rückt für Kultureinrichtungen verstärkt auch betriebswirtschaftliche Gesichtspunkte in den Fokus, es gelte neue Einnahmequellen zu erschließen. Eigentlich nichts neues, wie zahlreiche umfassende Handbücher der letzten Jahrzehnte zu den Themen Kulturmarketing und –sponsoring vermuten lassen – oder doch?

Museumsinteressierte Besucher sind eben auch Konsumenten mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Ein wichtiges davon ist sicherlich die Bildung, aber sicher nicht das einzige. Trotzdem werden etwa Ausstellungen viel zu oft weitgehend nach kulturpolitischen oder wissenschaftlichen Vorgaben ausgerichtet. Aktuelles Beispiel ist die für 2014 geplante Brandenburger Landesausstellung „Mächte und Mythen. Entdeckungsreisen in eine europäische Kulturlandschaft. Niederlausitz – Oberlausitz“. Geplanter Ausstellungsort ist Schloss Doberlug im Elbe-Elster-Kreis. (Lausitzer Rundschau Online-Ausgabe 12.06.2010)
Touristische Angebote für die Verpflegung oder Übernachtung potenzieller Besucher vor Ort sucht man im strukturschwachen Süden Brandenburgs allerdings bisher vergebens. Diese sollen zwar entwickelt werden, doch man mag skeptisch sein, ob dies bis 2014 vollständig gelingt.

Die selbst erwirtschafteten Kostenanteile können Museen auch durch verstärkte Aktivitäten im Sponsoringbereich steigern. Die in vielen Teilen anders strukturierten Museumslandschaften der angelsächsischen Länder liefern dafür seit vielen Jahrzehnten gute Beispiele. Offensive „Eat the Rich“-Rhetorik wie im Altonaer Fall ist bei der Sponsorensuche dann allerdings fehl am Platze. Dies alles macht die Museen in öffentlicher Trägerschaft nicht profitabel im Sinne gewinnorientierter Einrichtungen, kann jedoch dazu beitragen, noch weiter sinkende Zuschüsse auszugleichen.

Das Umdenken in dieser Richtung hat in Deutschland schon eingesetzt, allerdings eher bei den größeren Häusern und Flagschiffen der Museumslandschaft. Nun sind auch die städtischen und kommunalen Einrichtungen gefragt nachzuziehen. Und auch wenn es abgedroschen klingt: die derzeitige Krise birgt ihre Chancen. Die Museen müssen ihr Potenzial für unsere bildungsarme Freizeitgesellschaft entdecken.

Kommentare

  • Lieber Herr Dr. Goßler,

    Ihr flammendes Bekenntnis zu Fundraising und Sponsoring für Museen hat mich sehr erfreut. Nur was sind die Realitäten? Wer soll sich um das Sponsoring kümmern. Die meisten Mitarbeiter wissen schon vor Projektarbeit nicht ein und aus. Sollte da nicht der Träger vielmehr in ausgebildete Fundraiser investieren und nicht wie in Hamburg geschehen, seine Kulturtempel in unterfinanzierte Stiftungen unterbringen, damit sie Gelder erwitschaften und Zustifter überzeugen. Ich denke hier ist auf beiden Seiten – Träger und Museum – noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Wir vom Fundraiser-Magazin fangen damit schon mal an: am 15. Oktober 2010 beim Fundraisingtag München. Interessenten am Thema sind hochwillkommen.

    Viele Grüße

    Matthias Daberstiel
    http://www.fundraiser-magazin.de

  • Lieber Norbert,

    schön, von Dir zu hören!
    Offenbar wandelst Du heute auf Museumspfaden… sehr erfreulich!

    Neben dem klassischen Fundraising bietet sich natürlich gerade in der Archäologie eine Entwicklung musealer Themen und Kooperationen aus dem Projektgeschäft im Bauwesen an. Projektentwickler und Investoren stoßen allenthalben auf Archäologie und investieren hier nicht unerheblich und auch über den gesetzlich vorgeschriebenen Rahmen hinaus. Hierdruch könnte auch ein Anteil für die Museumsarbeit erwirtschaftet werden.

    Würde man die Begleitung von Großbauprojekten flächendeckend in Detuschland intensivieren und systematisieren, die ja auch der Archäologischen Denkmalpflege Funde und Arbeitsmaterial in die Kassen spült, könnte dieser Anteil für die Museen wachsen und beständiger werden.

    Auch wenn es sich hier um einen Teilbereich handelt, ist er spannend und ausbaufähig, denn er bringt Aktualität und zeitgemäße archäologische Arbeitsweise in die Museumslandschaft…

    Herzlichen Gruß
    Susanne Heun

Kommentieren